Wissenschaft und Forschung in den Kampfkünsten – Fiktion und Praxis

Durch die vergangenen Epochen hindurch wurden die Kampfkünste in der Gesellschaft als notwendig zum Überleben angesehen, jedoch wurde ihnen der Zugang zu einer wissenschaftlichen Akzeptanz nie erlaubt. Dadurch blieben sie in einem Bereich, den man eher mit dem Begriff “Handwerkskunst“ beschreiben kann.
Im Handwerk werden Erfahrungen und Kenntnisse über einen langen Zeitraum hinweg von Mensch zu Mensch übertragen, um das Überleben dieser Fähigkeiten zu sichern. In der Wissenschaft geht es darum, maßgeblich das warum und wieso zu ergründen um daraus Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge abzuleiten. Anschließend werden diese Erkenntnisse dazu benutzt, um sie in praktische Anwendungen zur Erleichterung für das tägliche Leben, für das Überleben oder sonstige Zwecke nutzbar und dienbar zu machen.
Dabei vertritt die Wissenschaft den Anspruch, dass wenn Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge aufgestellt wurden, diese immer gleich funktionieren und strukturiert sind, also systematisch sind. Das einfache Beispiel der Schwerkraft soll dies verdeutlichen: ein Gegenstand mit einer Masse fällt immer zu Boden und hat dadurch immer die gleiche Verhaltensweise innerhalb des Schwerkraftfeldes – egal an welchem Ort dieser Erde! Dies wurde durch Isaac Newton anhand des legendären Falls eines Apfels zum Boden tituliert und hat bis heute seine Gültigkeit nicht verloren. (Sir Isaac Newton (* 25. Dezember 1642jul./ 4. Januar 1643greg. in Woolsthorpe-by-Colsterworth in Lincolnshire; † 20. März 1726jul./ 31. März 1727greg. in Kensington) war ein englischer Naturforscher und Verwaltungsbeamter.
In der Sprache seiner Zeit, die zwischen natürlicher Theologie, Naturwissenschaften und Philosophie noch nicht scharf trennte, wurde Newton als Philosoph bezeichnet. Isaac Newton ist der Verfasser der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, in denen er mit seinem Gravitationsgesetz die universelle Gravitation und die Bewegungsgesetze beschrieb und damit den Grundstein für die klassische Mechanik legte. Quelle: Wikipedia). In der Schwerelosigkeit dagegen wird diese einfache Tatsache aufgehoben, wo andere Gesetzmäßigkeiten gelten.
Bezieht man diese einfache Definition auf die Kampfkünste, so stellt sich die Frage, wie und ob es überhaupt möglich ist wissenschaftliche Betrachtungen in Bezug auf ‚menschlichen Zweikampf‘ ansetzen zu können. Dazu ist es notwendig, zuerst einmal die Struktur des menschlichen Zweikampfs zu analysieren: der menschliche Zweikampf wird von zwei menschlichen Individuen geführt, wobei jeder von beiden die Zielsetzung verfolgt, die körperliche Kontrolle über den anderen zu erlangen, um so seinen Willen durchzusetzen. Dies ist eher ein einfacher logischer Rückschluss, der zwar im Sportbereich zum großen Teil außer Kraft gesetzt ist (weil auch Fairnessaspekte involviert sind), aber in der Selbstverteidigung maßgeblich ist.
Jedes menschliche Individuum hat die gleiche körperliche Struktur – vier Gliedmaßen (zwei Arme, zwei Beine), den Rumpf sowie den Kopf. Diese Struktur ist immer gleich und gilt für jede Bevölkerungsgruppe egal auf welchem Kontinent dieser Erde. Unterschiede ergeben sich je nach Gegenüberstellung in den Körperdimensionen wie Größe und Masse, sowie der Fähigkeit, die eigene Struktur effektiv mobilisieren zu können, um damit den Kampf für sich zu entscheiden. An diesem Punkt nun wird versucht mit wissenschaftlichen Mitteln zu erforschen, mit welchen – eher mentalen – Kampfstrategien und Taktiken dies am besten erreicht werden kann, um dies für jeden Menschen gleich gut umsetzbar machen zu können (Ähnlich der Ausbildung von Offizieren in der Armee, wo Schlachten und Kriege virtuell immer wieder durchgespielt werden, wobei die wahren Kriege meistens anders verliefen wie geplant).
Dies bedeutet, es müssen gemäß den wissenschaftlichen Statuten, die immer gleichen Gesetzmäßigkeiten auf der mental strategischen sowie körperlichen Ebene durch verschiedenste Versuchsanordnungen herausgearbeitet werden, die an jedem Ort und zu jeder Zeit und in jeder Verfassung Gültigkeit haben. Hier noch einmal das Beispiel der Schwerkraft: ein Körper mit einer Masse fällt immer nach unten, egal ob in der Antarktis in Europa oder in China. Der Körper kann ein menschlicher Körper sein oder ein Gegenstand. Dies ist eine wissenschaftliche gesicherte Erkenntnis und wird tagtäglich bewiesen. Der dem Menschen innewohnende Drang aus eigener Kraft fliegen zu können, steht der wissenschaftlichen Erkenntnis der Schwerkraft gegenüber und ist auch deshalb als reine Träumerei einzustufen.
Es gibt es nun folgenden Gedankenfehler, wenn man glaubt, wissenschaftliche Grundlagenforschung in Kampfkünsten durchführen zu können: wenn zwei Menschen gegeneinander kämpfen, so hat derjenige, der die Offensive übernimmt, eine gewisse Absicht und Motivation. Derjenige von beiden, der die Rolle der Verteidigung einnimmt oder einnehmen muss, muss also die Absicht und Motivation des anderen interpretieren! Dazu hat er aber kaum Zeit, da dies ein aufwändiger Informationsverarbeitungsprozess ist. Um für sich Sicherheit zu haben bräuchte er also eine so genannte Antizipation (eine Vorwegnahme oder eine Annahme oder schlimmstenfalls ein erraten), um auch mit der Aktion der Verteidigung zeitlich im Einklang mit dem eingehenden Angriff zu stehen. Eine wissenschaftliche Grundlagenforschung, die sich dieses Themas annehmen würde, ist gleichzusetzen mit einer wissenschaftlichen Forschung für Glücksspiel! Zwei menschliche Individuen mit ihren eigenen Absichten haben zwar ihre jeweilige Gesetzmäßigkeit aufgrund ihrer psychologischen und physiologischen Struktur, aber diese individuellen Gesetzmäßigkeiten werden niemals zu einer übergeordneten Gesetzmäßigkeit, die sich Zweikampf nennt, die man wissenschaftlich erforschen kann.
Da der Ansatz der Wissenschaft und Forschung eine gewisse Intellektualität in einem so pragmatischen Feld wie den Kampfkünsten zum Ausdruck bringen soll (dies wird gerne dazu benutzt, sich einen gewissen gesellschaftlichen Abstand aufzubauen), ist die Gefahr groß, dass sich sehr schnell falsche Begriffsassoziationen und Erwartungshaltungen ausbilden. Zum einen – aufgrund menschlicher Defizite – beabsichtigt, zum anderen einfach durch unbedachtes annehmen von so genannten ‚verbalen Trends‘.
Ein anderer Gedankenansatz, der analog der heutigen Ausbildung auf universitärer Basis beruht, sind die Anwendungsdisziplinen, die die Erkenntnisse von Grundlagenforschung in Produkte oder Produktkonzepte umsetzen. Beispiel: der Bauingenieur ist ein Anwender von physikalischen Grundlagen wie der Schwerkraft, der Mechanik, Thermodynamik, et cetera und hat als Aufgabe, Häuser zu bauen, die den Ansprüchen des Auftraggebers im Hinblick auf die gedachte Nutzung genügen und Sicherheit bieten. Analog gilt dies für die Kampfkünste: die körperlichen Bestandteile haben die immer gleichen Gesetzmäßigkeiten aufgrund von Strukturen, die sich im Einklang mit anderen wirklichen wissenschaftlichen Grundlagen (wie zum Beispiel der Schwerkraft, Biomechanik, etc.) evolutioniert haben. Auf Basis dieser Gesetzmäßigkeiten kann man Nutzungsstrategien entwickeln, die die logische Zielsetzung von 0 % Risiko/100 % Sicherheit verfolgen.
Dies bedeutet, dass eine wissenschaftliche Grundlagenforschung im Bereich der Kampfkunst gar nicht möglich ist, sondern die Kampfkunst nur auf den schon seit Generationen erforschten physiologischen und psychologischen Grundlagen aufbauen kann und diese eher durch ‚handwerkliches Geschick‘ in einen Kontext von Sieg oder Niederlage setzen kann.