Wie das Ego die eigene Entwicklung behindern kann

(von Dr. David Schepers - IUEWT-Mitglied und Technikeranwärter)

Ego steht laut Wikipedia:

• wissenschaftssprachlich für das Ich
• in der Psychologie für das Selbst
• umgangssprachlich für das Selbstwertgefühl

Ich möchte mich in diesem Artikel im Wesentlichen auf die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs Ego beziehen, also auf das Selbstwertgefühl. Ein häufig verwendeter Satz ist: „Der hat aber ein großes Ego!“ Damit ist umgangssprachlich also gemeint, dass die betreffende Person ein hohes Selbstwertgefühl oder Selbstbewusstsein hat. Ein hohes Selbstwertgefühl erlangt eine Person in der Regel, wenn sie von sich und seinen Fähigkeiten sehr überzeugt ist. Die jeweiligen Fähigkeiten hat sich die betreffende Person meist über einen langen Zeitraum „hart erarbeitet“ und diese Person ist überzeugt davon, über diesen langen Zeitraum immer „das Richtige“ getan zu haben. Was aber ist „das Richtige“? Und wie ist es zu bewerten, wenn diese Person nur ganz alleine der Ansicht ist, das Richtige getan zu haben? Offensichtlich unterliegen „richtig“ und „falsch“ einer stark subjektiv geprägten Betrachtungsweise, je nach persönlicher Erfahrung, Kulturkreis, Standpunkt und ggf. noch weiten Einflussfaktoren. Weitere interessante Fragestellungen sind in diesem Zusammenhang: Wie verhält sich eine Person, die erkennen muss, dass sie nicht ausschließlich das (nach eigener Ansicht) Richtige getan hat? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang unser Ego?

Diese Fragen sind mit Sicherheit nicht ganz einfach und allgemeingültig zu beantworten. Ich möchte dazu jedoch im Folgenden anhand meiner persönlichen Erfahrungen einige Denkansätze liefern. Dazu werde ich der Anschaulichkeit halber ein Beispiel aus meinem letzten Urlaub heranziehen und dies anschließend auf das Wing Tsun/Escrima (bzw. die Kampfkunst allgemein) übertragen.

Im Mai 2015 führte mich mein Urlaub nach Peru. Ein Höhepunkt dieser Reise sollte eine viertägige Trekking-Tour über den Inka-Trail zu den Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu sein. Machu Picchu war also das erklärte Ziel, der Inka-Trail mein Weg dorthin. Die Wanderung über den Inka-Trail ist mit vielen Widrigkeiten verbunden, bis man das Ziel am Ende endlich erreicht (dies lässt sich bekanntlich auf viele Bereiche des Lebens übertragen): Die Wanderung führt durch die Anden mit Höhen zwischen 2500m und 4200m, was die Atmung für uns Mitteleuropäer deutlich erschwert. Hinzu kommt ein schwerer Rucksack, extreme Temperaturunterschiede, Wind, Regen, ggf. Magenprobleme, usw. Um mein Ziel trotz dieser Widrigkeiten zu erreichen, beschloss ich mich einer geführten Gruppe anzuschließen. Ich war überzeugt davon, dass der Bergführer den richtigen Weg kannte und dass ich damit die „richtige“ Entscheidung getroffen hatte. Also folgte ich ihm und der Gruppe bedingungslos. Die Wanderung war körperlich gesehen eine Schinderei und manchmal habe ich mich gefragt (insbesondere als es am zweiten Tag stark anfing zu regnen), warum ich mir dies eigentlich antat. Um es allerdings vorweg zu nehmen: Die Schönheit der Natur während der Wanderung hat die Quälerei locker wieder wett gemacht! Was wäre allerdings gewesen, wenn der Bergführer den falschen Weg eingeschlagen hätte? Wenn wir zum Beispiel am dritten Tag festgestellt hätten, dass wir die ganze Zeit in die falsche Richtung marschiert gewesen wären? Für mich wäre das eine Katastrophe gewesen, da ich mich nach der körperlichen Belastung schon so sehr auf das Ziel, die Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu gefreut hatte! Wäre es jedoch soweit gekommen, hätte ich zwei Möglichkeiten gehabt. Ich hätte mir die Tatsache schön reden können, dass ich einen Fehler gemacht und den falschen Bergführer ausgewählt hätte. Ich hätte aufgeben, mein Ziel aus den Augen verlieren und zum nächsten Bergdorf laufen können, um von dort mit dem Bus zurück ins Hotel, dem Ausgangspunkt der Wanderung, zu fahren. Damit hätte ich vermieden, dass das Eingeständnis eines eigenen Fehlers an meinem Ego kratzen würde. Allerdings hätte ich mein eigentliches Ziel nicht erreicht und ich hätte zu Hause den Freunden und der Familie erzählt: „Machu Picchu hab ich zwar nicht gesehen, aber alles nicht so schlimm, die Wanderung war trotzdem super!“ Damit hätte ich mich selbst belogen, um eine Enttäuschung zu vermeiden. Äußerlich hätte mein Ego in diesem Fall keinen Schaden genommen, aber innerlich hätte es mich wahrscheinlich dauerhaft gewurmt, dass ich mein Ziel nie erreichen konnte.

Alternativ hätte ich mir aber auch eingestehen können, dass ich dem falschen Bergführer gefolgt war. Ich hätte dieser Erkenntnis ins Auge sehen und sie akzeptieren können. Natürlich wäre ich enttäuscht gewesen, da mir nun noch ein längerer und weiterhin sehr beschwerlicher Weg bevor gestanden hätte, aber ich hätte trotzdem noch mein Ziel vor Augen gehabt. Mir wäre also nichts anderes übrig geblieben, als den falschen Weg komplett zurück zulaufen, mich nach dem richtigen Weg zu erkundigen (und gegebenenfalls noch Kompass und Karte einzustecken um es im zweiten Anlauf besser zu machen) und anschließend einen neuen Versuch zu starten. Dazu hätte ich mich über mein Ego hinwegsetzen und mich auf die Enttäuschung einlassen müssen, um daraus zu lernen und nun einen besseren (und den hoffentlich richtigen) Weg zu beschreiten.

Zum Glück bin ich in Peru nicht tagelang in die falsche Richtung gelaufen und nach vier Tagen habe ich erschöpft aber glücklich mein Ziel erreicht. Wie lässt sich dieses gedankliche Beispiel des falschen Wanderwegs aber auf die Kampfkunst übertragen?

Ich betreibe Wing Tsun und Escrima mittlerweile seit vielen Jahren. Die Motivation für das Erlernen einer Kampfkunst mag bei jedem Menschen unterschiedlich sein, für mich lautete jedoch immer die Zielsetzung: Ich möchte mich (unter realistischen Bedingungen) effektiv verteidigen können. Anders als beim Machu Picchu ist dieses Ziel in der Kampfkunst immer in weiter Ferne, denn schließlich lassen sich die eigenen Fähigkeiten durch das richtige Training ein Leben lang verbessern. Was aber ist das „richtige“ Training? Natürlich war ich überzeugt davon, dass ich immer „richtig“ trainierte, denn schließlich hatte ich über den gesamten Zeitraum hervorragende Trainer und Ausbilder. Trotzdem musste ich auch nach Jahren des Trainings feststellen, dass mein Wing Tsun / Escrima nicht immer so funktionierte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Training mit meinen Lehrern und Ausbildern (mein Dank gilt an dieser Stelle insbesondere Nicolas Alicke) und mit Sifu Marcus Schüssler musste ich immer wieder feststellen, dass bestimmte Techniken in der Anwendung nicht zufriedenstellend funktionierten. Nach und nach kam ich zu der Erkenntnis, dass ich bestimmte Dinge nicht richtig verstanden oder falsch interpretiert hatte oder gar der Meinung gewesen war, dass es einen einfachen und schnellen Weg gäbe Wing Tsun und Escrima zu erlernen. Bekanntermaßen bedeutet Kung Fu „harte Arbeit“ und mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass daran kein Weg vorbei führt. Insbesondere musste ich feststellen, dass ich die realistischen Randbedingungen eines realen Zweikampfes für mein Training vernachlässigt hatte, aus denen sich automatisch die Logik eines funktionierenden Kampfkunst-Systems ableiten lässt. Mit anderen Worten: Ich musste mir eingestehen, dass ich mich (zum Teil über Jahre hinweg) nicht immer auf dem richtigen Trainingsweg befunden hatte. Diese Erkenntnis ist natürlich bitter und das eigene Ego versucht automatisch, sich diesen Umstand in irgendeiner Weise schön zureden, damit man sich auf Grund des eigenen Fehlverhaltens nicht schlecht fühlen muss.

Ich hatte jetzt (wie in obigem gedanklichen Beispiel) zwei Möglichkeiten: Ich hätte den leichteren Weg wählen und mir meine bisher erlangten Fähigkeiten schön reden und vorhandene Schwächen ignorieren können. Dann hätte ich mir aber andere Trainingspartner suchen müssen, die meine Schachstellen nicht hätten aufdecken wollen oder können. Diese Trainingspartner hätten dann ebenso darauf verzichtet, unter realistischen Bedingungen zu trainieren und sich die Schwachstellen gegenseitig kompromisslos aufzuzeigen. Als Resultat hätte ich mein Ziel aus den Augen verloren, nämlich mich effektiv verteidigen zu können. Die zweite Möglichkeit bestand darin mein Ego „runterzuschlucken“, also nicht weiter zu berücksichtigen und den falschen Weg ein Stück zurückzugehen, um anschließend wieder in die richtige Richtung zu laufen. Dies fällt zugegebenermaßen schwer, aber nur so verliert man sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen und im Grunde genommen kann man sich auch nur auf diese Art weiterentwickeln. Dies gilt leider auch, wenn man erst nach Jahren feststellt, dass man den falschen Trainingsweg verfolgt hat. Ich persönlich meine: Lieber eine späte Einsicht und Korrektur, als ein Leben lang den falschen Weg zu beschreiten. Leider höre ich hin und wieder den folgenden Satz auf den (verbandsoffenen) Lehrgängen von Sifu Marcus Schüssler: „Aber ich hab das doch jetzt schon 20 Jahre so gemacht, das kann ich doch nicht auf einmal alles ändern!“ Doch, das kannst du! Und das musst du sogar, wenn du dein ursprünglich gestecktes Ziel „Selbstverteidigung“ konsequent weiterverfolgen möchtest. Allerdings musst du dein Ego überwinden und dich darauf einlassen, einen großen Teil deines Weges zurückzugehen, um dich anschließend neu auszurichten.

Es heißt ja auch nicht, dass ein Schüler auf dem Weg in die falsche Richtung nicht schon viel Sinnvolles gelernt hat. Aber wenn ich erkenne, dass ich langfristig mein persönliches Ziel nicht erreiche, dann muss ich über eine Neuausrichtung nachdenken und gegebenenfalls einen Teil des Weges zurückgehen, auch wenn dies mit zusätzlichen Mühen verbunden ist. Das eigene Ego steht uns jedoch häufig im Weg, denn erfahrungsgemäß tut sich der Mensch schwer damit, eigene Fehler einzugestehen. Das Eingeständnis eines Fehlers ist jedoch die Grundvoraussetzung um das Fehlverhalten sachlich zu analysieren und entsprechende Korrekturmaßnahmen einzuleiten.

Ich möchte mich abschließend an dieser Stelle bei Dai-Sifu Johannes Olbers und Sifu Marcus Schüssler herzlich dafür bedanken, dass sie mit der Gründung der IUEWT einen mit Sicherheit langen und nicht ganz einfachen Weg zurückgegangen sind, um sich wieder neu auszurichten und den aus realistischen Randbedingungen vorgegebenen Weg zu beschreiten. Einen Weg, der durch Logik und physikalische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben wird und nicht durch starre Traditionen oder eine von vorne herein festgelegte und damit nicht überprüfbare Philosophie. Weiterhin möchte ich allen Schulleitern und Ausbildern danken, die bereit waren diesen Weg mitzugehen. Ich wünsche allen IUEWT-Schülern viel Erfolg auf ihrem persönlichen Trainingsweg.